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13.01.2006

Grusel-Szenario für Mensch und Tier

Wenn die erfahrenen Männer der Lawinenhundestaffel der Bergwacht-Region Chiemgau zu einem Einsatz gerufen werden, dann müssen sie in der Regel mit schrecklichen Bildern rechnen. Doch was die Hundeführer mit ihren Tieren bei der Vermisstensuche in der eingestürzten Bad Reichenhaller Eishalle erwartete, übertraf das bislang Erlebte bei weitem. Die Psyche der Bergwachtmänner wurde auf eine harte Probe gestellt, dazu kam die physische Dauerbelastung bei dem Tag-und-Nacht-Einsatz. Von einem Grusel-Szenario spricht der erfahrene Hundeführer Kurt Becker, der dem »Berchtesgadener Anzeiger« den außergewöhnlichen Einsatz schilderte. Ein Einsatz, der ihn und seine Kameraden - davon zwei ganz besonders - an die Grenze ihrer Kräfte brachte.




 

Es war am frühen Montagnachmittag, als für die Lawinenhundestaffel die anstrengendsten Tage ihrer fast 50-jährigen Geschichte begannen. Damit rechneten stellvertretender Staffelleiter Michael Partholl aus Ramsau und sein Kamerad Andi Baumann aus Bischofswiesen sicherlich nicht, als sie zum Ort des Lawinenunglücks auf der Reiteralpe beordert wurden. Dort war eine zehnköpfige Gruppe von Skitourengehern und Schneeschuhgehern in eine Lawine geraten, wobei zwei Männer und eine Frau in einer Rinne verschüttet worden waren. Nach der Auffahrt mit der Seilbahn konnten Partholl und Baumann zwei der Verschütteten, die keine VS-Geräte trugen, mithilfe ihrer Hunde schnell lokalisieren und ausgraben. Beide waren bereits tot. Dann brach Einsatzleiter Hans Lohwieser von der Reichenhaller Bergwacht die Suche wegen zu großer Lawinengefahr ab, ein junger Mann war noch unter den Schneemassen begraben.

Ohne Pause zum nächsten Einsatz

Zeit zur Erholung blieb den Bergwachtmännern allerdings nicht, denn zu diesem Zeitpunkt war das Dach der Reichenhaller Eishalle bereits eingebrochen. Dem Ruf zum Katastrophenort folgten die Bergwachtmänner - darunter auch Michael Partholl und Andi Baumann - ohne zwischenzeitliche Pause. »Pitschnass wie sie waren, fuhren sie gleich hinüber«, sagt Kurt Becker, der mit den weiteren Hundeführern der Lawinenhundestaffel in den Tagen darauf als Ablösung eingesetzt war. Michael Partholl und Andi Baumann waren am Montagnachmittag die ersten Hundeführer vor Ort, denn Kurt Becker weiß: »Die Suchhunde wurden erst relativ spät angefordert.« Für die beiden Berchtesgadener bedeutete der frühe Katastropheneinsatz aber auch eine besondere Belastung. »Sie haben in den letzten Tagen fast Übermenschliches geleistet«, zollt Kurt Becker seinen Kameraden Respekt. Schließlich fanden sie erst nach rund 40-stündigem Einsatz zu Hause wenige Stunden Schlaf, um sich dann erneut am Katastrophenort zurückzumelden.

Doch auch Kurt Becker und die anderen Helfer der Lawinenhundestaffel fanden von Montag bis Donnerstag nur wenig Schlaf. Ihr oberstes Ziel war es, möglichst schnell die unter den Trümmern vermissten Personen zu finden. Aktivität war für die Bergwachtmänner und sicherlich auch für die Helfer der anderen Hilfsorganisationen leichter zu ertragen als Stillstand. Doch gerade den gab es zum Ärger der Beteiligten immer wieder. Zunächst beschränkte man sich auf die relativ leicht durchzuführende Bergung der Personen im Eingangsbereich. Viele Stunden hat es dann gedauert, bis schweres Gerät zur Stützung der noch stehenden Seitenwände anrollte. Erst dann konnte die Suche zwischen den Trümmern beginnen. »Und dann hieß es immer wieder: Alle raus, Gefahr!«, erinnert sich Becker. Selten wussten die Helfer, was los war, es gab viel Verwirrung. »Du konntest lange gar nichts tun, und gerade das war so zermürbend«, so der Hundeführer.

Schwierige Bedingungen auch für die Suchhunde

Kaum mehr Hoffnung auf Überlebende gab es, als die Suchhunde sich mit ihren Hundeführern an die Arbeit machten. Kurt Becker schildert die Erlebnisse als »absolut gruselig«. Zwar gewöhnt man sich nach seinen Worten nach einiger Zeit an die Situation und an die damit verbundene Gefahr. Aber wenn, wie des Öfteren geschehen, irgendwo Schnee abrutscht, »dann zuckst du echt zusammen«. Noch viel schlimmer waren die »schockierenden Anblicke«, die der Bergwachtmann nicht näher schildern will. Immerhin sechs der 15 bei dem Unglück ums Leben Gekommenen haben die Suchhunde der Chiemgauer Bergwachtler gefunden. Und das trotz schwierigster Bedingungen. »Überall zersplittertes Holz, Isoliermaterial, Tonnen von komprimiertem Schnee und mehrere Schichten Blech übereinander - das ist der Albtraum einer Vermisstensuche«, sagt Becker. Besonders das Blech erschwerte es den Hunden, Witterung aufzunehmen. Auch Verletzungen an den Läufen mussten einige Tiere erleiden.

Besonders schlimm für die Einsatzkräfte: Die meisten der Getöteten waren Kinder. Trotz der außergewöhnlich großen psychischen Belastung nahm keiner der Hundeführer psychologische Betreuung in Anspruch. Aber Kurt Becker weiß, dass so mancher erfahrene Hundeführer noch lange brauchen wird, um diese Bilder verarbeiten zu können. Unverständlich ist dem Berchtesgadener deshalb, wie man bei dieser Tragödie als Einsatzkraft auch noch zwischen den Trümmern filmen kann. So praktiziert von der Suchhundestaffel des Malteser Hilfswerks. »Die haben sich trotz anderer Abmachung mit ihrer Filmkamera wichtig gemacht«, schimpft Becker. Und er weiß auch warum: Die ans Fernsehen verkauften Bilder zeigten nämlich ausschließlich Hundeführer der Malteser, »die Leute werden gedacht haben, dass wir gar nicht da waren«.

Zum Zeitpunkt des Interviews am Donnerstag verfolgen Kurt Becker die schlimmen Bilder von den Tagen zuvor noch ständig. Entspannung fällt ihm schwer, er steht »noch voll unter Strom«. Wie die Hilfskräfte der anderen Rettungsorganisationen versuchen, das Erlebte zu verarbeiten, weiß Kurt Becker nicht. Für ihn gibt es derzeit nur ein Mittel: Ablenkung.

Ulli Kastner/Berchtesgadener Anzeiger