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 | Bergwacht Berchtesgaden - 21.01.2006 |
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Bergwacht vertraut Hundenasen bei Lawineneinsätzen
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Bis zu vier Meter Schnee liegen über Rupert Seeböck. Der erfahrene Bergwachtmann aus Teisendorf identifiziert sich seit rund zehn Jahren mit seiner Rolle als »Lawinenopfer«. Bis zu drei Stunden harrt er in seinem ungemütlichen Versteck aus, um sich von Lawinenhunden und Männern der Lawinenhundestaffel der Bergwachtregion Chiemgau ausgraben zu lassen. Die Suchaktion auf dem Plateau der Reiteralpe ist Teil des Lawinenhundelehrgangs, der seit 1996 zum Ausbildungsprogramm der Hundeführer und ihrer Tiere gehört. Bis dahin hatte man sich noch an den Lehrgängen der Region Hochland beteiligt. Beim jüngsten einwöchigen Lehrgang auf dem Übungsgelände der Bundeswehr, der vorgestern Donnerstag zu Ende ging, war man mit besonderem Eifer bei der Sache. Schließlich bescherten die außergewöhnlichen Einsätze der vergangenen Wochen den Mitgliedern der Lawinenhundestaffel noch nie dagewesene öffentliche Aufmerksamkeit.
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»Lasso« von Michael Partholl zeigt auf der Reiteralpe, dass er zurecht ein C-Hund ist.Mitte Dezember das Lawinenunglück auf der Hochalm, dann am 2. Januar zunächst der Lawinenunfall am Schrecksattel und unmittelbar darauf die Alarmierung zur Eishallen-Katastrophe in Bad Reichenhall. Für die Lawinenhundestaffel waren es die anstrengendsten Wochen ihrer fast 50-jährigen Geschichte. Psychisch und physisch brachten die Einsätze auch erfahrene Hundeführer an die Grenze der Belastbarkeit. Beim Lawinenhundelehrgang auf der Reiteralpe zeigen sie sich von den Strapazen bereits gut erholt. Und die ihnen zuteil gewordene öffentliche Anerkennung ist ihnen zusätzliche Motivation. »Das Ansehen unserer Hundeführer hat nicht zuletzt durch diese schwierigen Einsätze enorm gewonnen, die Akzeptanz ist jetzt riesengroß«, sagt stellvertretender Staffelleiter Michael Partholl aus Ramsau. Die Zustimmung führt der Polizeibeamte auf die guten Leistungen der Lawinenhunde bei diesen Einsätzen zurück. Zusätzlich hat man bei der Eishallen-Katastrophe einiges gelernt. Partholl: »Es wurde klar, dass wir insbesondere beim Hunde-Einsatz klare Strukturen brauchen. Aber da stoßen wir auch im Landratsamt auf offene Ohren«.
Erst suchen, dann graben
Mittlerweile fegen »Speedy«, »Malov«, »Lasso«, »Larca«, »Arco«, »Frika« & Co. unter Beobachtung der Ausbildungsleiter Sepp Steiner und Michael Partholl einer nach dem anderen nervös über das »Lawinenfeld«, die Nase knapp über dem Schnee. Schon lange waren die Anforderungen an Tier und Hundeführer nicht mehr so hoch wie bei diesem Lehrgang mit besten Schneebedingungen. Bis zu vier Meter tief eingegraben sind die Personen, die aufgespürt werden müssen. Um die Sache noch einmal zu erschweren, verwischt man nach Abschluss der Eingrabungs-Aktion die Spuren zusätzlich mit dem Raupen-Fahrzeug. Zwei- und vierbeinige Retter wissen natürlich nicht, wo sie suchen müssen. Nur das rund 100 mal 100 Meter große »Lawinenfeld« ist vorgegeben. Schäferhund »Daf« des Reichenhallers Hannes Jahrstorfer braucht nicht lange, bis er das »Opfer« verweist und siegessicher an einer Stelle zu graben beginnt. Erst wenn der Hundeführer den Verschütteten erfolgreich sondiert hat, wird mit der Lawinenschaufel tiefer gegraben. Das ist diesmal die Aufgabe von »Stahlhaus«-Wirt Heli Pfitzer, der an diesem Nachmittag mehrmals gehörig ins Schwitzen kommt. Dann ist »Daf« nicht mehr zu halten. Der Schäferhund stürzt sich Kopf voraus ins Loch und verschwindet für wenige Sekunden völlig in dem Hohlraum, in dem Rupert Seeböck liegt. »Da hast du es dir gerade erst einigermaßen bequem gemacht, da schiebt dir der Hund schon wieder den ganzen Schnee ins Gesicht«, sagt der Teisendorfer später nach vollbrachter Arbeit und lacht. Und warum spielt Seeböck trotz der Unannehmlichkeiten bei Lehrgängen so gerne das Opfer? »Weil es für mich eine Riesenfreude ist, wenn der Hund so schnell fündig wird«.
Zusatzausbildung für Sprengstoffhund »Zarek«
Nicht alle Tiere bei diesem Lawinenhundelehrgang müssen so große Routine zeigen wie »Daf«. Denn der ist wie auch Michael Partholls »Lasso«, Kurt Beckers »Arco«, Andi Baumanns »Benno«, Walter Langs »Speedy«, Hugo Seich-ters »Malov«, Achim Tegethoffs »Larca« oder Hans Balsbergers »Waldo« ein so genannter C-Hund, das ist die höchste Auszeichnung für einen Lawinenhund. Damit ist er bei Lawinenunfällen uneingeschränkt einsetzbar, die Anforderungen beim Lehrgang sind entsprechend hoch. Weniger streng ist man noch bei »Janosch« von Stefan Strecker, bei »Burli« von Rupert Erber oder bei »Frika« von Max Stadler, die zur Kategorie B-Hunde gehören. Polizeihund »Zarek« von Bernd Spiegelsperger will bei diesem Lehrgang erst einmal den A-Hunde-Status erreichen, den »Barry« von Christian Gritsch schon hat. Während normalerweise bis zur weiteren »Beförderung« eines Hundes ein Jahr vergeht, wird »Zarek« vermutlich schon im März seine Prüfung zum B-Hund absolvieren. Denn der Polizei-Vierbeiner ist bereits ein erfahrener Sprengstoffhund, die Weiterbildung zum Lawinenhund fällt ihm deshalb nicht schwer. Ohnehin ist man bei der Lawinenhundestaffel froh über die Zusammenarbeit mit den Hundeführern der Polizei, denn der Nachwuchs bleibt zurzeit etwas aus. »Als Hundeführer musst du schon ein besonderer Idealist sein«, sagt Partholl. Die Spezialausbildung ist relativ aufwändig, die Kosten schrecken zusätzlich so manchen ab. Daran kann auch der jährliche Futterkostenzuschuss von 250 Euro durch die Bergwachtregion Chiemgau nichts ändern. Seit 1993 praktiziert man in der Bayerischen Bergwacht bei der Lawinenhundeausbildung das von den Schweizern entwickelte Fünf-Phasen-System. In Phase 1 sucht der von einer fremden Person geführte Hund seinen noch sichtbaren Hundeführer. In Phase zwei gesellt sich zum aufzuspürenden Hundeführer noch eine zweite Person, die das Tier bei erfolgreicher Suche belohnt. Schwieriger wird es in der dritten Phase, in der beide Personen sich bereits in einem Loch verstecken, der Hund also bereits graben muss. In Phase vier muss der Hund nach erfolg-reicher Suche über seinen Herrn hinwegklettern, um sich bei der fremden Person seine Belohnung abzuholen. Erst in Phase fünf übernimmt der Hundeführer sein Tier selbst, um nach einer fremden Person zu suchen. »Innerhalb einer halben Stunde kann so aus einem unausgebildeten Hund ein A-Hund gemacht werden«, sagt Staffelleiter Walter Lang. Vertrauen in seinen Herrn und die Belohnung in Form eines Hundekuchens sind wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ausbildung.
Training mit dem Hubschrauber
Die Lawinenhundestaffel trainiert nicht nur die Verschüttetensuche. Auch der Einsatz mit dem Hubschrauber will gelernt sein. Als gewöhnungsbedürftig erweist sich am Montag die Arbeit mit dem Bundespolizei-Hubschrauber »Puma«. Der heftige »Downwash« der Maschine erschwert die Ausbildung an der Winde, Hund und Führer geraten in heftige Rotation, was beiden nicht behagt. Dennoch sind alle Bergwachtmänner beeindruckt von der enormen Kapazität und Leistungskraft der »Puma«. Überwiegend an den Abenden steht im Lenzenkaser II der Bundeswehr Theorie auf dem Programm. In Vorträgen geht es um Schnee- und Lawinenkunde oder um Erste Hilfe an Mensch und Tier. Denn immer wieder einmal verletzen die scharfen Stahlkanten der Ski die Hunde an den Läufen. Tierärzte aus dem Landkreis geben Tipps zu Maßnahmen und unterziehen die Tiere einem Gesundheitscheck, denn vor allem die Rückgrate der Vierbeiner sind bei Ausbildung und Einsatz großer Belastung ausgesetzt. Bis auf Andi Baumanns »Benno«, der noch seine Schnittverletzungen aus der Eishalle auskuriert, präsentieren sich auf der Reiteralpe alle Tiere bei bester Gesundheit. Und das Suchspiel am Berg scheint ihnen großen Spaß zu machen. Denn die Ernsthaftigkeit eines Lawineneinsatzes erkennt der Hund natürlich nicht. Ein Kamerateam des Fernsehsenders RTL 2 drehte am Dienstag und Mittwoch einen Beitrag über den Lawinenhundekurs. Er soll am Sonntag, 26. Februar, ab 19 Uhr im Rahmen der Sendereihe »Welt der Wunder« ausgestrahlt werden.
Ulli Kastner/Berchtesgadener Anzeiger
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