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20.01.2003

Spannendes Suchspiel auf dem Lawinenkegel

Für die Hunde ist es ein »Suchspiel«, für die Verschütteten jedoch geht es um Leben und Tod. Trotz immer besser werdender VS-Geräte verlässt sich die Bergwacht bei der Suche nach Lawinenopfern zusätzlich auf die Spürnase der Vierbeiner. So fiel den Tieren auch im Rahmen des 8. Lehrgangs für Lawinenhundeführer, den der Bergwachtabschnitt Chiemgau eine Woche lang bis zum gestrigen Freitag auf der Reiteralpe durchführte, das Aufspüren der »Lawinenopfer« nicht schwer. 13 Hundeführer aus dem gesamten Chiemgau beteiligten sich an dem Pflichtlehrgang im und um den Lenzenkaser der Bundeswehr, bei dem Hund und Herrchen auf Vordermann gebracht wurden.




 

- Mit seiner Jessy erstieg der Berchtesgadener Bergwachtarzt Ralf Kaukewitsch am Rande des Lehrgangs auch den Weitschartenkopf. (Foto Berchtesgadener Anzeiger)

Schon Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre trafen sich ein paar Jahre hintereinander die Lawinenhundeführer am Schneibsteinhaus, um sich fortzubilden. Als diese Treffen nicht mehr stattfanden, schlossen sich die Hundeführer aus dem Chiemgau den Lehrgängen in den Abschnitten Hochland und Allgäu an. Das hatte allerdings den Nachteil, dass es im Abschnitt Chiemgau anschließend unterschiedliche Lehrmeinungen gab. So kommt der Abschnitt Chiemgau nun seit 1996 wiederregelmäßig auf der Reiteralpe zu einem eigenen Lehrgang zusammen, um seine Lawinenhundeführer fortzubilden sowie Herrchen und Tier einer strengen Prüfung zu unterziehen.

Lawinenhunde werden in drei Kategorien eingeteilt. Ein A-Hund ist quasi ein Anfänger, ein B-Hund kann bereits bei einem Lawinenunglück zum Einsatz kommen und ein C-Hund ist eine Art »Meister« seines Berufs. Zurzeit befindet sich die Bergwacht im Chiemgau in der glücklichen Lage, gleich acht C-Hunde in ihren Reihen zu haben. »Momentan haben wir sehr gutes Hundematerial. Damit können wir uns überall sehen lassen«, sagt Walter Lang aus Ruhpolding, Leiter der Lawinenhundestaffel des Bergwachtabschnitts Chiemgau. »Qualität geht vor Quantität« lautet die Formel der Bergwacht seit ein paar Jahren. Man wendet bei der Auswahl der Lawinenhunde strenge Kriterien an. »Wir haben dazu gelernt«, erläutert Michael Partholl, Mitglied der Bergwacht Ramsau und stellvertretender Leiter der Lawinenhundestaffel. »Wenn ein Hund nichts taugt, dann sagen wir dem Hundeführer auch, dass eine Ausbildung nichts bringt. Schließlich verschlingt die viel Zeit und Geld.« 11 000 Euro pro Jahr investiert der Bergwachtabschnitt Chiemgau in die Ausbildung der Lawinenhundeführer und ihrer Hunde. »Da kann keiner durchgezogen werden, die Leistung muss stimmen«, bekräftigt Partholl. So hat die Bergwacht alleine im vergangenen Jahr vier angehende Lawinenhunde aussortiert.

Auf den Charakter
kommt es an

Leistungsstarke C-Hunde sind beispielsweise Stahlhauswirt Helmut Pfitzers »Tina« (Berchtesgaden), Walter Langs »Speedy« (Ruhpolding), Hugo Seichters »Malov« (Bergen), Kurt Beckers »Arco« (Berchtesgaden), Michael Partholls »Lasso« (Ramsau), Achim Tegethoffs »Larca« (Marquartstein), Hans Balsbergers »Waldo« (Schleching) und Franz Helmingers »Rusty« (Teisendorf). Als B-Hunde bei Lawineneinsätzen eingesetzt werden können auch Klaus Obermeiers »Viz« (Polizei), Rupert Erbers »Attila« (Bad Reichenhall), Helmut Lutzs »Jago« (Bad Reichenhall), Ralf Kaukewitschs »Jessy« (Berchtesgaden) und Andreas Baumanns »Benno« (Berchtesgaden). Der 18-jährige Baumann ist einer von mehreren engagierten Nachwuchskräften, in die die Bergwacht große Hoffnungen setzt. Lang: »Zwar gibt es für die Ausbildung zum Lawinenhundeführer genügend Nachwuchs aus den nördlichen Bereitschaften, im Süden aber haben die Bergwachtleute auch so schon genug Arbeit«.

Drei Jahre bis zum
»Meister«-Hund

Nicht nur die charakterlichen Eigenschaften eines Hundes wie Gehorsam, Führigkeit und Triebveranlagung müssen passen, auch von seiner Erscheinung her muss ein Hund für den Einsatz im Schnee geeignet sein. Gerne verwendet werden Deutsche Schäferhunde, aber auch drei Labradore und ein Belgischer Schäfer kommen im Bergwachtabschnitt Chiemgau zum Einsatz. »Gut geeignet ist ein leichter, spritziger Hund mit dichtem Haarkleid«, sagt Walter Lang. Doch weiß man sich auch zu helfen, wenn ein Hund zwar vom Charakter, nicht aber vom Fell her für den Einsatz als Lawinenhund geeignet ist. Das trifft beispielsweise für »Jessy«, den Hund von Bergwachtarzt Ralf Kaukewitsch von der Bergwacht Berchtesgaden zu. Weil das Tier schnell friert, wird ihm bei großer Kälte einfach eine Wärmedecke umgebunden.
Drei Jahre dauert es normalerweise, bis aus einem Roh-Hund ein C-Hund geworden ist. Die Ausbildung geht mit Hilfe des so genannten Fünf-Phasen-Systems vonstatten, das 1993 von den Schweizern übernommen wurde. In Phase 1 entfernt sich der Hundeführer zirka 30 bis 50 Meter von seinem Tier, bleibt aber noch sichtbar. Dann lässt der Ausbilder das Tier zur Suche frei. In Phase 2 versteckt sich der Hunde-
führer offen in einer Schneemulde.
Schwieriger wird es für den Hund dann in der dritten Phase, wenn der Hundeführer leicht eingegraben wird und sich das Tier bereits hundertprozentig auf seine Nase verlassen muss. Zusammen mit einer Fremdperson wird der Hundeführer dann in Phase 4 im Schnee eingegraben, wobei die Fremdperson vorne liegt. Der Hund muss also die Fremdperson übersteigen, um zu seinem Herrchen zu gelangen.
Beim letzten und schwierigsten Schritt führt das Herrchen sein Tier selbst. Der Vierbeiner muss dann eine eingegrabene Fremdperson aufspüren. Ziel des A-Kurses ist es, dass der Hund auf einer Fläche von 50 mal 80 Meter Größe eine bis zu 50 Zentimeter tief eingegrabene Person verweist. Wichtig für das Tier ist am Ende das positive Erlebnis, wozu auch das Lob des Herrchens und Hundekuchen beitragen. Entsprechend schwieriger sind dann die Aufgaben für B- und C-Hunde. Hier müssen die Tiere zumeist mehrere Personen hintereinander aufspüren und »verweisen«, die dann immer tiefer eingegraben werden.

Kameradenhilfe immer noch am effektivsten

Nicht nur die Tiere wurden auf der Reiteralpe auf Vordermann gebracht. Auch für die Hundeführer selbst gab es einiges zu lernen. So standen am Abend Themen wie Wiederbelebung, Lawinen- und Wetterkunde, Grundsätzliches zur Hundeausbildung und anderes auf dem Programm. Der Hubschrauber, der für die Bergetauausbildung eingeplant war, konnte am Dienstag nicht kommen. Dafür erwartete man am Donnerstag den Hochzug vom Gebirgsjägerbataillon 232 in der Strub. »Die Hunde müssen nämlich unter möglichst realen Bedingungen - also auch unter Stress - üben«, erklärt Walter Lang. So sondieren die Soldaten den Lawinenkegel, während die Hunde ihre Nase bei der Sucharbeit einsetzen. Gleichzeitig kreuzt ein Skidoo das Suchgebiet, um zusätzlich für Unruhe zu sorgen.
Theoretisch könnte so jedes Tier der Lawinenhundestaffel im Bergwachtabschnitt Chiemgau einem Verschütteten zur Rettung verhelfen. Trotz schneller Alarmierung durch das Handy und bester Organisation kommt die Bergwacht aber meist zu spät zur Unfallstelle. »Die Kameradenhilfe mit Verschütteten-Suchgerät und Lawinenschaufel ist halt immer noch am effektivsten«, erklärt der stellvertretende Abschnittsleiter Alois Resch aus Ramsau, der zusammen mit Abschnittschef Josef Widmann aus Ruhpolding dem Lehrgang am Mittwoch einen Besuch abstattete. So hat auch von den am Kurs teilnehmenden Hunden noch keiner einen Verschütteten lebend aus einer Lawine befreien können. Die Chance, einen Verschütteten lebend aus einer Lawine bergen zu können, ist nur in der ersten Viertelstunde nach dem Unglück groß. Später können nur noch selten Erfolge erzielt werden. So war es auch beim Lawinenunglück kürzlich im Hocheis, wo die Hunde die Verschütteten »angezeigt« haben. Schwere Kopfverletzungen und die Dichte der Schneemassen ließen jedoch auch hier jede Hilfe zu spät kommen.
»Letztes Jahr gab es im gesamten Alpenraum lediglich drei oder vier Lebendbergungen aus einer Lawine«, weiß Michael Partholl. Dennoch will man weiterhin auf die Spürnase der Vierbeiner, die mehrere Millionen Mal besser riechen als der Mensch, setzen. Hunde können schließlich auch bei Totenbergungen sowie bei der Trümmersuche nach Erdbeben und bei Vermisstensuchen eingesetzt werden. Walter Lang: »Es gibt halt bislang kein besseres Mittel, das schneller, besser und billiger ist als der Hund«.

Natürlich waren die Hundeführer mit ihren Tieren während des Lehrgangs auf der Reiter-alpe auch für den Ernstfall vorbereitet. Drei Rucksäcke enthielten das komplette Einsatzmaterial, so dass drei Männer der Lawinenhundestaffel mit ihren Tieren innerhalb weniger Minuten hätten ausrücken können. Denn von der Alarmierung bis zum Eintreffen des Hubschraubers vergeht meist nur wenig Zeit. Doch blieben die Bergretter auch diesmal vom Ernstfall verschont. Bei durchschnittlich drei Lawineneinsätzen jährlich war eine Alarmierung auch sehr unwahrscheinlich.

Ulli Kastner/Redaktion Berchtesgadener Anzeiger



2003
16.02.2003